Buch

Ute Kapuschinski

Buch: Karina Sainz Borgo: Nacht in Caracas

Empfohlen von: Ute Kapuschinski

Anhand eines Einzelschicksals wird der Niedergang eines ehemals aufstrebenden Staates beschrieben:
Als Adelaidas Mutter stirbt, muss sich die 37-jährige allein durch den lebensgefährlichen, entbehrungsreichen Alltag in Venezuelas Hauptstadt kämpfen. In einem System, in dem staatlich tolerierte Banden, Korruption, Gewalt und bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, sind Medikamente vom Schwarzmarkt, Diebe auf dem Friedhof und eine unwürdige Trauerfeier nur geringe Übel. Eine gewalttätige Frauen-Gang hat Adelaidas Wohnung in Beschlag genommen, da ist es ganz praktisch, dass sie die Nachbarin tot in deren Wohnung auffindet und – nachdem die Leiche mühevoll entfernt worden ist – eben dort einzieht.

Angesichts der Brutalität und der Frage: was ist Fiktion? Was venezolanischer Alltag? Mögen diese skurrilen Entwicklungen nur wenig erheitern. Knallhart ist Sainz Borgos Darstellung ihrer ehemaligen Heimat. Einzig die liebevoll gezeichneten Frauenfiguren, die Erinnerung an gute Zeiten mit der Mutter und schöne Tage mit den eigenwilligen Tanten, lassen erahnen, dass es vor dieser Ära von Zerfall und Rechtslosigkeit auch ein friedliches Leben in diesem reichen, wunderschönen Land gab.

Für Adelaida gibt es einen Ausweg aus dem Chaos, sie kann ein neues Leben jenseits des Meeres beginnen.

Dennoch bleibt der Leser beeindruckt angesichts der sprachlichen und inhaltlichen Wucht dieses Debut-Romans zurück. Und bedrückt, ja fast zornig angesichts der Macht einiger weniger, die sehr schnell sehr viel zerstören können und der Machtlosigkeit so vieler, die völlig unverschuldet ein menschenunwürdiges Dasein fristen müssen.
Starke Literatur, die lange beschäftigt