Buch

Ingrid Pohl

Buch: Abbas Khider: Ohrfeige

Empfohlen von: Ingrid Pohl

Dieser zu Recht preisgekrönte Roman wurde von einem Flüchtling geschrieben.1996 ist Abbas Khider aus dem Irak geflohen und lebte als „Illegaler“ in verschiedenen Ländern.
Die „Ohrfeige“ hätte in den Augen seines Protagonisten Karim Mensy die Sachbearbeiterin Frau Schulz Medientipp_Ohrfeigeaus der allmächtigen Ausländerbehörde verdient. Stellvertretend für die deutsche Justiz/Bürokratie. Damit ihm nach jahrelanger Odyssee endlich mal jemand zuhört, fesselt und knebelt Karim die unberührbare Bürokratin – und erzählt seine Geschichte. Wütend, traurig, frustriert, ironisch, mit Galgenhumor. Auf der Flucht vor dem Militärdienst im Irak hatte Karim seine Schlepper für das Ziel Frankreich bezahlt, landet aber völlig desorientiert in Bayern. Wir werden ZeitZeugen seiner Ankunft in Deutschland, seiner Wahrnehmung unserer WillkommensKultur, seiner Kämpfe durch Formulare und Asylunterkünfte. Sein Blick auf unsere Welt ist entlarvend, Ehrlichkeit bringt nur die wenigsten weiter. Als Illegaler muss Karim ständig auf der Hut sein, z.B. im Bahnhof vor der ständig kontrollierenden Polizei.
„…Die Tarnung als Lesender hat schon auf vielen Bahnhöfen funktioniert. Normalerweise beachten mich die Polizisten dann nicht. Offensichtlich denken sie, dass ein Illegaler aus einem dieser unterentwickelten Länder sicher nicht lesen kann. Mit der Süddeutschen Zeitung in der Hand trägt man als Illegaler in Bayern gewissermaßen Tarnfarben….“
Die Schauplätze des Romans sind Asylantenwohnheime, Gefängniszellen, die „Goethemoschee“ in der Münchner Goethestraße, muslimische Kulturvereine, in denen die Parallelgesellschaft der Heimatlosen ihre Netzwerke organisiert. Schlepper, Polizisten, Dealer und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sind fast die einzigen Einheimischen, mit denen Menschen wie Karim in Kontakt kommen. Die anderen schauen weg, gehen aus dem Weg. Endlich hat Karim sein Recht auf Asyl erkämpft, wird es ihm schon wieder entzogen. Denn mit dem Sturz Saddam Husseins ist er kein Asylberechtigter mehr. Angesichts des Chaos in seinem Heimatland, der Verweigerung Deutschlands, ihn weiter anzuerkennen, bleibt ihm nur wieder die Flucht…..Doch vorher erzählt er Frau Schulz, was die – wie viele andere – nie hören wollte: seine ganze Geschichte!