Buch

Ingrid Pohl

Buch: Dörte Hansen: Altes Land

Empfohlen von: Ingrid Pohl

Der Debütroman der norddeutschen Journalistin Dörte Hansen steht völlig zu Recht auf den derzeitigen Bestsellerlisten.Medientipp_Altes LandUnd es bedarf keiner Affinität zum hohen Norden, um diesen Roman zu lieben.
Karg und dennoch sprachgewaltig erzählt Dörte Hansen vom „Alten Land“, dem Obstgarten vor den Toren Hamburgs, von riesigen, prunkvollen, mit Reet gedeckten Bauernhäusern hinterm Elbdeich, in denen die Jahrhunderte knarzen. Gemacht für eine Zeit, in der Generationen noch zusammen lebten.
In einen dieser Altländer Höfe gerät Vera als kleines Mädchen – nach der Flucht aus Ostpreußen. Gerät unter die Vorherrschaft der stolzen Bäuerin Ida Eckhoff. Heimat fühlt sich anders an, auch eine neue. Ihre Mutter, eine Sängerin, flieht weiter – in eine Ehe mit einem wohlsituierten Hamburger. Vera bekommt eine Stiefschwester, ebenso fern. Die Nachkriegsjahre: Kargheit, Kummer, das Schweigen der Vertriebenen, das Misstrauen der Einheimischen.
Erst als die alleinerziehende Großstadtnichte Anne im Hier und Jetzt aus dem „szenigen“ Hamburg-Ottensen mit ihrem kleinen Sohn Unterschlupf auf dem Land sucht, finden beide Frauen miteinander so etwas wie Heimat.

Klingt alles ein wenig düster. Ist es aber nicht. Humorvoll, anrührend, distanziert, warmherzig, glasklar, manchmal in plattdütsch – kurzum: sehr facettenreich erzählt Hansen von zwei unangepassten Frauen, die ihren Platz im Leben suchen.
Und wer würde sich nicht auf eine Geschichte freuen über eine Zahnärztin mit wilden Pferden, eine arbeitslose Schreinerin mit Löchern in den Strümpfen, einen Kriegsheimkehrer, der nur mit Groschenromanen einschlafen kann und einen ehemals gefeierten, nun gefeuerten Journalisten, der Reportagen über Rehwurst für Slow-Food-Magazine schreibt?
Keine verklärte Landromantik. Keine Klischees. Kein Stadt gegen Land. Keine Verharmlosung. Starke, knorrige Charaktere. Viel Schmunzelpotential. Ein Roman – wohltuend anders!