Buch

Ingrid Pohl

Buch: Ian MacEwan: Kindeswohl

Empfohlen von: Ingrid Pohl

Vordergründig geht es in McEwans neuem Roman um die in die Jahre gekommene Ehe der Protagonistin Fiona May. kindeswohlDoch der eigentliche Focus liegt auf Konflikten in Familien – seien es religiöse oder moralische, mit denen die Richterin May am Londoner High Court tagtäglich konfrontiert wird: Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des „Kindeswohls“….
Gerade hat sie schweren Herzens – gegen den Willen der religiösen Eltern – die Trennung von siamesischen Zwillingen angeordnet und damit zumindest das Leben eines der Zwillinge gerettet, da wünscht sich ihr Mann Jack von ihr das Einverständnis, eine außereheliche Affäre eingehen zu dürfen.
Fiona erklärt ihre Ehe mit dieser Affäre für beendet, lässt das Haustürschloss austauschen – und stürzt sich jetzt erst recht in ihre Arbeit. Nur gelegentlich lässt sie ihrer Traurigkeit und ihren Zweifeln Raum. In diese schwierige Phase platzt eine dringende Bitte um Eilentscheidung. Wieder geht es um Leben und Tod! Durch den Fall des leukämiekranken Jungen Adam, der zusammen mit seinen Eltern eine dringend benötigte Bluttransfusion verweigert (die Familie gehört zu den Zeugen Jehovas, und diese Glaubensrichtung verbietet eine Bluttransfusion), gerät Fionas angeschlagenes Seelenleben noch mehr aus dem Gleichgewicht. Entgegen jeder Gewohnheit besucht sie den zum Sterben Verurteilten persönlich im Krankenhaus, findet einen intelligenten, sensiblen und musischen Jungen vor, der sie völlig verzaubert. Jedem Widerspruch zum Trotz ordnet sie sein Überleben (= Bluttransfusion) an – und übernimmt damit eine Verantwortung, der sie letztlich nicht gewachsen ist. Zeitgleich kehrt ihr Mann reuig zu ihr zurück „….und während ihre Ehe holpernd in ihren gewohnten Gang (findet) erzählte sie ihm…von ihrer Scham, von der Liebe dieses wunderbaren Jungen zum Leben und von ihrem Anteil an seinem Tod.“

Ein sehr kluger und feinsinniger Roman!