Gesprochene Literatur

Daniela Raif

Gesprochene Literatur: Mascha Kaléko: Interview mit mir selbst

Empfohlen von: Daniela Raif

Auch wenn man, wie ich, zu den Lesern gehört, die mit Gedichten wenig bis gar nichts anfangen können: Mascha Kaléko bildet eine Ausnahme und ihre Gedichte sind für jeden etwas! (behaupte ich) Kaléko lebte lange Zeit in Berlin, bevor sie als Jüdin ins Exil musste. Aus der Berliner Zeit stammt ihre witzige „Alltagslyrik“ im Stile ihrer Kollegen Ringelnatz und Kästner. Sie beschreibt Begebenheiten, die sie in der Großstadt beobachtet. Später werden auch Liebe, Leid, Exil und das Fremdsein zu ihren Themen. Ihr kluger Hintersinn, ihr mal leichtfüßiger, mal schwermütiger Humor und ein Händchen für das richtige Wort am richtigen Fleck zeichnen ihre Gedichte aus. Nach Jahren in den USA und in Israel stirbt sie 1973 in Zürich, nachdem sie auch in Deutschland wieder ein großes Lesepublikum gewonnen hatte.
Die CD „Interview mit mir selbst“ ist etwas ganz Besonderes. Zu hören ist die Lebensgeschichte der Autorin, aber auch einige ihrer großartigen Gedichte, teilweise sogar von ihr selbst gelesen. So ergibt sich ein rundum stimmiges und schönes Bild. Und hier eines ihrer Gedichte als Kostprobe:

SOZUSAGEN GRUNDLOS VERGNÜGT…

Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
wenn Heckenrosen und Holunder blühen,
daß Amseln flöten und daß Immen summen,
daß Mücken stechen und daß Brummer brummen,
daß rote Luftballons ins Blaue steigen,
daß Spatzen schwatzen und daß Fische schweigen..
Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.
In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaunlich bleibt und neu!
Ich freue mich, daß ich, daß ich mich freu.